Die Steh-auf-Frau am Tiefpunkt

Das Wichtigste in Kürze
- Andrea Nahles nach gut einem Jahr im Amt schwer angeschlagen.
Doch nach nur 13 Monaten im Amt steht Andrea Nahles, die erste Frau an der Spitze der Sozialdemokraten, vor einem Trümmerhaufen. Der Absturz bei der Europawahl und das Ende der SPD-Vorherrschaft in Bremen belasten die Partei- und Fraktionsvorsitzende schwer. Sie gibt sich weiter kämpferisch, doch dass sie beide Ämter behält, erscheint zunehmend unwahrscheinlich.
«Kopf hoch», ruft Nahles ihren Parteigenossen am Sonntagabend zu. «Wir nehmen die Herausforderung an.» Die Herausforderung besteht mittlerweile darin, die SPD überhaupt noch glaubhaft als eine der «grossen» Parteien zu präsentieren. Mit nicht einmal mehr 16 Prozent rutschte sie bei der Europawahl auf ihr schlechtestes Ergebnis bei einer bundesweiten Abstimmung und wurde von den Grünen deutlich überrundet.
Dabei sollte doch alles besser werden. Als Nahles im April 2018 Parteivorsitzende wird, hat die SPD nach langen und harten internen Debatten erneut ein Bündnis mit der CDU geschlossen. Die Bundestagswahl ein halbes Jahr zuvor hatte mit dem bis dato schlechtesten Nachkriegsergebnis der SPD geendet. Postengerangel nach der Entscheidung für die erneute «Groko» trübten die Stimmung weiter.
In dieser Lage scheint Nahles eine logische Wahl. Als damals 47 Jahre alte Frau verkörpert sie das Frische und Neue, zugleich ist sie ein SPD-Gewächs mit vielen Kontakten und Erfahrung beim Organisieren von Mehrheiten. Und noch dazu eine Kämpfernatur.
Ihre Karriere begann die Literaturwissenschaftlerin aus der Eifel bei den Jusos, deren Vorsitzende sie von 1995 bis 1999 war. Schnell erwarb sie sich den Ruf einer geschickten Strippenzieherin: Sie war 1995 massgeblich beteiligt am Sturz des SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping. 1998 zog Nahles erstmals in den Bundestag ein.
2005 die nächste gewagte Aktion: Als SPD-Chef Franz Müntefering seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel als Generalsekretär installieren wollte, ging Nahles als Gegenkandidatin in eine Kampfabstimmung und setzte sich im Parteivorstand durch. Müntefering zog sich daraufhin vom Vorsitz zurück.
Angesichts harter Kritik verzichtete Nahles schliesslich auf den Posten. Nach der SPD-Wahlniederlage von 2009 wurde sie dann doch Generalsekretärin - an der Seite des neuen Parteichefs Sigmar Gabriel. In der 2013 gebildeten grossen Koalition wurde Nahles Arbeitsministerin, in ihre Amtszeit fiel etwa die Einführung des Mindestlohns. Nach der enttäuschenden Bundestagswahl 2017 verliess sie das Ministerium und wurde Fraktionsvorsitzende.
Als Partei- wie Fraktionschefin versuchte Nahles seither unermüdlich, die SPD wieder auf die Beine zu bringen. Mit einer Distanzierung vom Hartz-IV-System und einer grossen Sozialstaats-Offensive bemühte sich die Parteispitze um eine Schärfung des Profils, blieb hart im Dauerzoff um die geplante Grundrente. Beim letzten Koalitionsgipfel vor dem Wahlsonntag setzen die Sozialdemokraten Verbesserungen für Paketboten durch.
Doch es hat bisher alles nichts geholfen. Nahles will weitermachen, will es doch noch schaffen, die Talsohle zu durchschreiten. Jedoch mehren sich die Stimmen, dass es nach dem neuesten Wahldebakel auch personelle Konsequenzen geben muss.
Für den Fraktionsvorsitz kursieren dabei anders als für die Parteispitze bereits Namen möglicher Nahles-Nachfolger. Auch steht die nächste Wahl der Fraktionsspitze bereits im September an, der Bundesparteitag ist bislang für Dezember geplant.
So könnte Nahles vorerst doch Parteichefin bleiben und weiter in der «GroKo» mitarbeiten. An dieser hält sie trotz beständiger Kritik von SPD-Linken fest - nicht zuletzt wohl deshalb, weil es bei einer Neuwahl angesichts der Umfragewerte wenig zu gewinnen gäbe. Reichen könnte es künftig noch am ehesten für die erste Koalition aus SPD, Grünen und Linken auf Bundesebene - allerdings wohl unter grüner Führung.